Kuratierte Ausstellungen

Kuratierte Ausstellungen zeitgenössischer Künstler

 

Ausstellung „Wald und Peripherie“ von Mathias Lyssy im Kunstverein Ebersberg (2016)


„Wald und Peripherie“ umschreibt in trefflicher Form den Raum Ebersberg. Der Ebersberger Forst – einst Jagdgebiet der Kurfürsten und Wirtschaftsgrundlage der Ebersberger Mönche hat die Entwicklung der Peripherie - die Stadt Ebersberg und ihre Umgebung maßgeblich beeinflusst und besitzt auch heute einen hohen Stellenwert als Erholungs- und Freizeitort bei den Bürgern der Region. So ist es eine glückliche Fügung, dass der Frankfurter Künstler Mathias Lyssy in der Alten Brennerei des ehemaligen Klosterhofes seine Ausstellung „Wald und Peripherie“ präsentiert.

Für Mathias Lyssy ist der Wald ein Rückzugsort, ein Ort der Kontemplation in dem man sich emotional aufgehoben fühlt. Dabei reflektiert der Wald nicht nur sonnige Gefühle, sondern auch das Geheimnisvolle, Düstere – die Bandbreite der menschlichen Ängste. Das unterschiedliche Licht der Jahreszeiten begeistert nicht nur den Fotografen, sondern auch den Maler, der die dadurch stimulierte Gefühlswelt farblich festhalten will. Diese außergewöhnliche Verbindung der Medien Malerei und Fotografie zeichnet die Werke des Künstlers Mathias Lyssy aus und macht sie in ihrer emotionalen Wirkung so faszinierend. Dabei geht er zum einen ganz traditionell, geradezu handwerklich mit dem Einsatz von Polaroid-Kamera und Digitaler Kamera, den Mittel der Belichtungszeit und Ausschnittwahl oder dem Einsatz von Pastellfarben zum Kolorieren vor. Zum anderen nutzt er ganz zeitgemäß digitale Programme zum Ausschneiden und neu Komponieren von Motive sowie der Veränderung der Bildwirkung mittels Gradationskurven, Kontrast- und Farbbalancen.

Den Bäumen nähert er sich mit der Kamera in Wellenbewegungen, umkreist sie und erzeugt durch die langen Belichtungszeiten Unschärfen und Wischeffekte, als wären die Farbflächen mit dem Pinsel bearbeitet. Partien, die durch die lange Belichtungszeit ganz weiß werden und wie ausgeschnitten wirken, werden wieder malerisch harmonisiert. Andere Farben intensiviert und somit leuchtende Lichtflächen erzeugt. Der Grund für die malerische Bearbeitung ist die Beschränktheit des Mediums Fotografie, dass nie das technisch wiedergeben kann, was der Mensch emotional wahrnimmt. So möchte Mathias Lyssy mit der malerischen Bearbeitung der Fotos die Erinnerung wieder herstellen von dem was man mit seinen Emotionen, Gerüchen, Lichtwahrnehmungen, Farben ganz anders im neuralen System fokussiert, konzentriert und abgespeichert hat.

Einige Motive erhalten eine geradezu malerisch, haptische Umwandlung. Dann fotografiert Mathias Lyssy das Bild vom PC-Monitor mit seiner Polaroidkamera (SX 70 Spiegelreflex) ab. Das Polaroid fordert eine schnelle Bearbeitung, da die Künstlerhand nur während des Entwicklungsprozesses auf die Bildgestaltung einwirken kann. Das Polariod wird aufgetrennt und die freiliegenden Fotoschichten mit Skalpell und Schere bearbeitet. Als Effekt zeigt sich ein Bild, das wie mit Tusche kontrastiert wirkt. Die Schichten werfen sich als plastische Konturlinien auf und lassen das gesamte Motiv wie gemalt wirken. Dieser Effekt wird verstärkt, wenn Mathias Lyssy den Hintergrund auch noch mit Pastelltusche koloriert.
Der Künstler Mathias Lyssy ist ein Wandler zwischen Handwerk und digitaler Arbeitsmittel, zwischen fotografisch-technischer Umsetzung und farblich-malerischer Gestaltung, emotional verortet zwischen Wald und Peripherie und damit ein sensibler Beobachter unserer gespaltenen Sinneswelten.
 

Skulpturenprojekt „35° C“ Münchner Künstlers Christoph Scheuerecker für die Stadt Ebersberg (2015)

Zum zweiten Mal organisiert und betreut der Kunstverein Ebersberg e.V. das Skulpturenprojekt der Stadt Ebersberg. Das Skulpturenprojekt soll die Ebersberger Bürger überraschen, ihnen den Lebenswert ihrer Innenstadt fühlbar machen.

2015 wird die Skulpturen-Installation 35°C von Christoph Scheuerecker den urbanen Raum erobern. Fast unauffällig erwacht der wüste Lebensraum vor dem Kunstverein zum Leben. Blumen, Stauden, Totholz und Sand gestalten eine Miniatur von idealem Naturraum. Kinderstuben, Wohnhöhlen und Insektensupermarkt wachsen auf steinigen Boden. Über allem thront das Hochhaus der Bienen. Ein Memento Mori der lebensfeindlichen Umwelt – der Bedrohung unserer Welt, wenn die Insekten aussterben. Ein Leerstand, der auffordert belebt, bewohnt zu werden. Der urbane Raum wird mehr und mehr zum Asyl der Biodiversität, zum Rückzugsort von Naturpflanzen und Wildtieren.
Der Titel 35°C bezieht sich auf die Lebenstemperatur der Bienen, die über das gesamte Jahr im Bienenstock gehalten wird und der menschlichen Temperatur sehr nahe kommt. Nicht nur die Temperatur, sondern auch die soziale Struktur verbindet Mensch und Bienen. Daher hat sich aus Christoph Scheuereckers konzeptioneller Kunst das umfassende Kulturprojekt apicultura entwickelt. Das Lexikon definiert das aus den romanischen Sprachen stammende Wort apicultura mit Haltung und Pflege der Bienen, in dem sich auch ein Menschen betreffender Kulturbegriff mühelos einbetten lässt.
Die künstlerische Arbeit Christoph Scheuereckers speist sich überwiegend aus Natur-zusammenhängen. Erst wuchsen die Pflanzen, deren Formenvielfalt und Wiederholungen in den Mittelpunkt seines Interesses. Dann suchte er nach dem verbindenden Element zwischen ihnen und entdeckte die bestäubenden Insekten für sich. Er wurde zum Stadtimker. Dieser Begriff wurde vor 20 Jahren in einem Radio-Interview mit ihm entwickelt. Seitdem ist die Bienenhaltung als plastische Arbeit sein alleiniges künstlerisches Merkmal. Ursprünglich drehte sich sein Handeln einzig um das Wohlergehen der Bienen. Die Ernte blieb zweitrangig. Inzwischen ist der Honig als zweiter zentraler Baustein hinzugekommen. Durch den Honig erfolgt ein entscheidender Aufschluss, der den Menschen mit den Bienen verbindet, er ist ein Botenstoff, ein Neurotransmitter. Im Besonderen der Stadthonig ist das „fehlende Bindeglied“ zwischen den Stadtbewohnern und der Natur. Er sensibilisiert ihn für Naturzusammenhänge, macht ihn drängende Problemen, wie das Bienensterben oder klimatische Veränderungen erst bewusst. Durch die globale Bedrohung der Insekten hat das konzeptionelle Werk von Christoph Scheuerecker inzwischen politische Wertigkeit erlangt.

 

Skulpturenprojekt, "Lighting Up", des Berliner Lichtkünstlers Philipp Geist (2014) für die Stadt Ebersberg

„Kunst soll den urbanen Raum erobern!“ Mit diesem Wunsch startet 2014 das Skulpturenprojekt der Stadt Ebersberg, das vom Kunstverein Ebersberg e.V. betreut wird. Jährlich soll eine Skulptur oder Installation im Bereich des Kunstvereins die Aufmerksamkeit der Bürger auf sich lenken und somit den Wert des neu gestalteten urbanen Lebensraums von Klosterbauhof und neuer Passage im Herzen der Stadt Ebersberg zur Wirkung bringen. Unter der Organisation des Kunstvereins wird jedes Jahr ein anderer Künstler die Möglichkeit haben seine kreative Kraft und Intention mit der Stadt in Wirkung zu setzen – die Bürger mit neuen Eindrücken überraschen, zum Nachdenken bewegen und zu neuen Sehgewohnheiten verführen.

Der Video-Performance-Künstler Philipp Geist eröffnet mit seiner Licht-Installation „Lighting up Times“ das Kunstjahr 2014 und startet so mit einer fulminanten Illumination das diesjährige Skulpturenprojekt der Stadt Ebersberg. Die Licht-Installation wird nur zwei Abende den Klosterbauhof verändern, prägt aber das Ausstellungsjahr des Kunstvereins Ebersberg 2014, das unter dem Motto „Licht-Gestalten“ steht.
 

Eröffnungrede zum 1. Skulpturenprojekt der Stadt Ebersberg mit dem Berliner Lichtkünstler Philipp Geist am 8. März 2014 Klosterbauhof Ebersberg

 

Ausstellung „Schemen“ Ulla Reiter und Georg Gaigl im Kunstverein Ebersberg (2013)

Zum Jahresmotto des Kunstvereins Ebersberg „„Ländliche Kultur versus urbaner Landschaften“ treffen sich die urbanen Künstler Ulla Reiter und Georg Gaigl mit ihren „Schemen“ in der Galerie in der Alten Brennerei. Beide Künstler erkunden in Bildern und Skulpturen Zwischenwelten, die aus dem Bereich des Unbewussten kommen und kritisieren unsere von Medien geprägten Sehgewohnheiten.

Ulla Reiter bezieht sich in ihren überdimensionalen Skulpturen aus Schaumstoff auf einen Re-Mix alter mythischer Themen, eigener Assoziationen und der realen Welt im Zerrspiegel. Je nach dem wo der Betrachter durch seine Lebenserfahrungen verortet ist, erkennt er Märchen-, Monster- oder Manga-Gestalten. In der Verwendung des Industrie-Rohstoffes Schaumstoff erhalten ihre überdimensionalen Gestalten eine verwirrende Textur - verleiten zum Berühren, um sich durch ihre Leichtigkeit augenblicklich zu entziehen. Die Oberfläche irritiert unsere Sehgewohnheiten, die wir mit monumentalen Skulpturen verbinden. Ihre Wirkung im Raum ist hingegen beängstigend.

Georg Gaigl schafft in seinen Bildutopien poetische Landschaften, die eine Reflexion auf die Bildwelten unserer Zeit darstellen. Mittels der Decalcage schält er digital konzipierte „Kultur-Landschaften“ in mühsamer meditativer Handarbeit aus ihrer Papier-Schutzschicht. Er konfrontiert den Betrachter mit seinen durch Medien geprägten Sehweisen und hinterfragt unsere wahrgenommenen Realitäten.
In der Galerie in der Alten Brennerei vollziehen die beiden Künstler mit ihren Motiven, Medien und Materialien eine spannende Interaktion in den Industrie-geprägten Ausstellungsräumen.

Zur Eröffnung präsentiert Georg Gaigl zusammen mit dem Musiker Hans Platzgumer sein Video „360 Drones“.

Am 15. November 2013 um 20 Uhr zeigen Stephan Cramer, Martin Wiesböck, Anton Kaun „Vom Ei bis zu den Äpfel hin – eine kleine Geschichte der Welt“. Eine Performance aus Literatur, Musik und Video-Kunst
 

Eröffnungsrede zur Ausstellung „Schemen“ Ulla Reiter und Georg Gaigl in der Galerie „Alte Brennerei“ am 9. November 2013, Kunstverein Ebersberg

 

Ausstellung „Aus Liebe zum Tier“ Iris Schieferstein und Bertolt .W. Barasch im Kunstverein Ebersberg (2013)

Zum Jahresmotto des Kunstvereins Ebersberg „Verwertetes Fleisch – Tier als Rohstoff und Mensch als Humankapital“ thematisieren die Berliner Künstler Iris Schieferstein und Bertolt W. Barasch in ihrer Ausstellung „Aus Liebe zum Tier“ unser Verhältnis zu unseren Mitgeschöpfen. In der Klassifizierung der Tiere in Nutztier und Familienmitglied zeigt sich unser globales Wertesystem, das immer mehr die Welt in „nützlich“ und „wertlos“, „Luxus“ und „Armut“ aufteilt. Werden zum einen Haustiere zu verhätschelten Zwitterwesen, die eine Funktion zwischen Partnerersatz und Sportgerät einnehmen, verkommen auf der anderen Seite unsere Nutztiere zu reinen Wertstoffen. Die ausgestopften Chimären von Iris Schiefersteinen lassen schauern und machen nachdenklich. Aus Körperteilen unterschiedlicher Spezies zusammengenäht, werden sie zu Dokumenten menschlicher Nahrungsmitteloptimierung, die im Verborgenen mittels Gentechnologie im Tierkörper vollzogen wird. Mit dem richtigen Abstand werden sie lesbar und mahnen den Besucher „Heute mache ich mir kein Abendbrot , heute denk ich nach!“ Indem sie Hufe zu tragbaren Schuhen gestaltet, zuletzt auch für einen Auftritt von Lady Gaga, ruft sie ins Bewusstsein, dass immer Kausalzusammenhänge bestehen. Iris Schieferstein konfrontiert mit schmerzlicher Klarheit den Betrachter mit dem toten Tier. In ihren Händen bekommt es neues Leben und richtet einen politischen Appel an die Verursacher tierischen und menschlichen Leids.

Dieser Appel geht unter die Haut und dennoch macht Mensch unbeirrt weiter? Bertolt W. Barasch zeigt in „ Das cartesianische Lamm“ die Gründe für unsere scheinbar „kaltes“ Verhalten auf. Die Haut erfüllt in unserer heutigen Welt eine Schutzfunktion. Sie verbirgt Gefühle, Sinne, Taten, sogar den ganzen Menschen mit seiner Entwicklung. Einer Welt, die sich auf das Rationale, das sichtbar Erklärbare konzentriert, setzt er als malender Philosoph die Gegenwelt, das Intuitive, das Verborgene entgegen. Im Sinne der altvedischen Philosophie betrachtet Bertolt W. Barasch den Mensch in seiner universellen Vernetzung, als „kosmischen Menschen“. Diese Sichtweise dokumentieren seine Haut-Installationen. Aufgespannte Silikon-Latex-Häute, die Personen der Zeitgeschichte verkörpern, darunter der indische Politiker Mahatma Gandhi, der österreichisch-amerikanische Psychoanalytiker Wilhelm Reich sowie J. Robert Oppenheimer. Für Barasch skizzieren diese Männer die Merkmale des 20. Jahrhunderts: Es sei die Epoche des Atomzeitalters, des Eintretens in neue psychische Sichtweisen und des sanften Friedenswillens gewesen. Mittels Videomontage werden die Essenz dieser geschichtlichen Epoche auf die Haut projiziert. Haut also nicht nur als Spiegelbild des Gelebten und der Seele, sondern Haut als Projektionsfläche zeitgeschichtlicher Spuren, als Folie, Grenzfläche eines dahinter liegenden Seins, in dem auch die animalischen Instinkte ihr Wohnrecht haben.

 

Eröffnungsrede zur Ausstellung "Aus Liebe zum Tier - Iris Schieferstein, Bertolt Barrasch" am 13. Oktober 2012, Kunstverein Ebersberg